Fossil des Monats Juni 2021

Schädel einer Hirschgiraffe

Germanomeryx fahlbuschi Rössner, 2010, SNSB-BSPG 1959 II 7801

Neogen (Miozän; ca. 16 Millionen Jahre), Obere Süßwassermolasse,
Sandelzhausen, Mainburg, Niederbayern

Länge/Höhe/Breite: 31/8/23 cm

Hirschgiraffen sind schon lange ausgestorben. Einst waren sie in Bayern zuhause und repräsentierten die größten Paarhufer in den subtropischen Waldlandschaften des Miozäns von 17 bis 11 Millionen Jahre vor heute. Sie gehörten zu den Stirnwaffenträgern (Pecora), genauer gesagt in die engere Verwandtschaft von Hirschen und Giraffen, bildeten aber eine eigene Familie mit dem wissenschaflichen Namen Palaeomerycidae. Ihren deutschen Namen verdanken sie der Kombination von Merkmalen der Hirsche und der Giraffen. Herausragende Charakteristika der Gruppe sind bizarre Schädelauswüchse am Hinterkopf und über den Augen, die zu Lebzeiten mit Haut und Fell überzogen waren.

Schädelfunde sind allerdings sehr selten. Das hier präsentierte Stück ist der bisher einzige Schädel aus Bayern und wurde 1997 in der Fossilfundstelle Sandelzhausen geborgen. Er ist nicht vollständig und die 16 Millionen Jahre andauernde Last des auflagernden Sediments hat ihn flachgedrückt. Deutlich zu erkennen ist die Fläche des Schädeldachs, das lang ausgezogene Ende des Hinterkopfes und ein Jochbogen. Zusätzlich ist ein Teil des Backenzahngebisses erhalten.

Aus der Größe der erhaltenen Schädelteile und der Zähne lässt sich im Vergleich mit vollständiger erhaltenen Schädeln aus anderen Regionen Europas eine ursprüngliche Gesamtlänge von ca. 50 cm rekonstruieren. Das ist außergewöhnlich groß für einen Stirnwaffenträger vor 16 Millionen Jahren. Damals stand die Diversifizierung dieser Tiergruppe gerade erst am Anfang und ursprüngliche Arten von Hirschen und Antilopen waren kleiner als ein Reh.

Palaeomeryciden waren mit mehreren Gattungen und Arten über ganz Eurasien verbreitet, jede Gattung ist durch einen charakteristisch verzweigten Hinterhauptsfortsatz gekennzeichnet. Im Gegensatz zu den anderen Gruppen der Stirnwaffenträger haben Palaeomeryciden nie hochkronige Backenzähne entwickelt, d.h. sie haben sich nie an eine Nahrung mit einem höheren Grasgehalt, der die Zähne abschleift, angepasst, sondern sind immer Blätterfresser geblieben. Als dann die Lebensräume gegen Ende des Miozäns allmählich trockener und offener wurden, und mehr Gras enthielten, konnten die Palaeomeryciden nicht mehr mit den besser angepassten Gras fressenden Konkurrenten, nämlich den Elefanten, Nashörnern, Pferden, Antilopen, Büffeln und Giraffen mithalten, und starben vor ca. 10 Millionen Jahren aus.

In fast 200 Jahren haben Wissenschaftler mühsam Details zu den typischen, aber doch seltenen Hirschgiraffen zusammengetragen, welche einen generellen Evolutionstrend der kontinuierlich zunehmenden Körpergröße bei den Palaeomeryciden aufzeigen – mit Ausnahme der Hirschgiraffen von Sandelzhausen. Deren Größe weist sie nicht nur als die bei weitem größte Hirschgiraffen-Art dieser Zeit aus, sondern auch als eine der größten insgesamt.

Gertrud Rössner, München

Abbildung:

Schädelrest der Hirschgiraffe Germanomeryx fahlbuschi Roessner, 2010, Neogen (Miozän), ca. 16 Mio. Jahre, Sandelzhausen b. Mainburg, Niederbayern; SNSB-BSPG 1959 II 7801. Foto: SNSB-BSPG/G. Janßen.

Das Faltblatt mit ausführlichen Informationen zum Fossil des Monats steht wie immer auf der Webseite der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie als PDF-Datei (1,5 MB) zum Download bereit.

Fossil des Monats ist eine regelmäßige Aktion des Paläontologischen Museums München. Hierbei werden jeden Monat besondere Fossilien aus dem Fundus der Staatssammlung ausgestellt und von Wissenschaftlern der Staatssammlung und dem Lehrstuhl Paläontologie und Geobiologie eingehend in Begleittexten und einem Faltblatt erläutert. Die Freunde der Bayerischen Staatssammlung für Geologie und Paläontologie München e.V. unterstützen diese Aktion.