Fossil des Monats Oktober 2025
Runzelkoralle (Rugosa)
Schlotheimophyllum patellatum (SCHLOTHEIM, 1820)
SNSB-BSPG 2020 XCVII 5026
Silur (unteres Wenlock), ca. 427 Millionen Jahre, obere Visby-Formation, Ireviken, Insel Gotland, Ostsee, Schweden
Die schwedische Ostsee-Insel Gotland bietet einen weltweit einmaligen Einblick in die Gesteinsabfolgen der Silur-Zeit. Eine Zeitspanne von ca. 10 Millionen Jahren (ca. 430 – 419 Mio. Jahre) ist hier in einer Mergel-Kalk-Wechselfolge dokumentiert, die beginnend mit dem frühen 20. Jahrhundert bis in die heutige Zeit hinein Geologen und Paläontologen aus aller Welt fasziniert und zu Forschungsarbeiten anregt. Besonderes Interesse finden hierbei die vielfältigen Riffstrukturen, die in verschiedenen stratigraphischen Niveaus weit verbreitet sind. An den Küsten zeigen sie sich heute als steile massige Kalk-Kliffs oder aber in Form von durch Wind, Wetter und Brandung herauspräparierten, bizarren Kalktürmen, den Raukars. Die fossilreichen Sedimente Gotlands bildeten sich vor über 420 Mio. Jahren in einer weitgespannten, subtropisch-warmen, flachen Meeresbucht vor der Südküste des Urkontinents Baltica.
Die Silur- und Devon-Zeit sind gekennzeichnet durch eine weltweite Verbreitung von tropischen Karbonatplattformen, die in den letzten 540 Millionen Jahren Erdgeschichte ihresgleichen sucht. Gigantische Riffgürtel, auch in höheren Breiten, mit über 1000 km Länge und Ablagerungen mit über 1000 m Mächtigkeit sind keine Seltenheit. Diese erdgeschichtliche Periode ist gekennzeichnet durch einen hohen Meeresspiegel und ein warmes Treibhausklima. Die Temperaturen lagen im Mittel 10-15° C über denen unserer momentanen Interglazial-Zeit. Die wichtigsten riffbildenden Organismen waren kalkskeletttragende Schwämme (Stromatoporen) und altertümliche Korallen (Tabulata, Rugosa), die in ganz unterschiedlichen Riffstrukturen (Rasen, Biostrome, Fleckenriffe, Bioherme) z.T. artenreiche Gemeinschaften bildeten.
Das Fossil des Monats, Schlotheimophyllum patellatum (SCHLOTHEIM, 1820), ist eine koloniebildende rugose Koralle. Die Rugosa gehören, wie die heutigen Steinkorallen (Scleractinia), zu den Hexakorallen. Viele Hexakorallen bilden ein kalkiges Skelett aus, welches aus einem (solitär) oder aus mehreren (kolonial) Korallenkelchen besteht. Es handelt sich um ein Basisskelett, über dem sich zu Lebzeiten der Weichkörper mit dem bzw. den Korallenpolypen erhebt. Das Skelett besteht aus vertikalen und horizontalen Elementen. Die auffälligsten Vertikalstrukturen sind die radial stehenden, normalerweise blattförmig ausgebildeten Septen. Horizontalstrukturen umfassen planare Querböden oder schaufel- bzw. stäbchenförmige Elemente im Randbereich der Kelche.
Die Rugosa sind vor ca. 250 Mio. Jahren, im Zuge des großen Massenaussterbens am Ende der Perm-Zeit, ausgestorben.
Schlotheimopyhllum pattelatum zeigt eine sehr variable Wuchsform, die von scheibenförmigen bis zu pilzförmigen Kolonien reicht. Charakteristisch sind große Korallenkelche mit einer tiefen zentralen Kelchgrube und einer angrenzenden, fast horizontalen »Plattform«.
Martin Nose, München
Abbildung
Abb. 1: Rugose Koralle Schlotheimophyllum patellatum (SCHLOTHEIM, 1820), Silur (unteres Wenlock, ca. 427 Millionen Jahre), obere Visby-Formation, Ireviken, Insel Gotland, Ostsee, Schweden; Inv.-Nr. SNSB-BSPG 2020 XCVII 5026, Breite des Stücks: 10 cm. Foto: SNSB-BSPG/M. Schellenberger.
Das Faltblatt mit ausführlichen Informationen zum Fossil des Monats steht wie immer auf der Webseite der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie als PDF-Datei zum Download (142 kB) bereit.
Fossil des Monats ist eine regelmäßige Aktion des Paläontologischen Museums München. Hierbei werden jeden Monat besondere Fossilien aus dem Fundus der Staatssammlung ausgestellt und von Wissenschaftlern der Staatssammlung und dem Lehrstuhl Paläontologie und Geobiologie eingehend in Begleittexten und einem Faltblatt erläutert. Die Freunde der Bayerischen Staatssammlung für Geologie und Paläontologie München e.V. unterstützen diese Aktion.


Foto: SNSB-BSPG/M. Schellenberger
SNSB-BSPG/M. Schellenberger