Fossil des Monats April 2026

Raubsaurierschädel-Rekonstruktion

Irritator challengeri Martill et al.

SNSB-BSPG 2023 I 43

Untere Kreide, ca. 113 Mio Jahre

Ceará, Brasilien

Dieses »Fossil des Monat« ist eigentlich gar kein Fossil, sondern eine Rekonstruktion eines Fossils. Es handelt sich um den Schädel des Raubdinosauriers Irritator, eines mittelgroßen Spinosauriden aus der oberen Unterkreide von Brasilien. Diese Rekonstruktion zeigt, wie heute in der Paläontologie Forschung betrieben wird.

Die Spinosauriden waren eine Gruppe mittelgroßer bis gigantischer Raubdinosaurier (Theropoden), die in der Kreidezeit insbesondere in den Kontinenten der südlichen Halbkugel vorkamen. Leider ist ihr Fossilbericht bis heute extrem fragmentarisch; selbst von dem bekanntesten Vertreter, dem gigantischen Spinosaurus aegyptiacus aus der frühen Oberkreide von Ägypten, ist bisher weniger als 30% des Skelettes bekannt. Insbesondere Schädel sind selten. Von Spinosaurus kennt man bisher nur einen Unterkiefer, der zudem im 2. Weltkrieg zerstört wurde; obwohl verschiedenste Schädelreste aus anderen Fundstellen in Afrika zu demselben Taxon gestellt wurden, ist diese Zustellung ungewiss und umstritten. Der bisher vollständigste bekannte Spinosauriden-Schädel ist jener von Irritator challengeri, der aus einer Gesteinsknolle geborgen wurde, und dem nur die Spitze der Schnauze und der vordere Teil des Unterkiefers fehlt. Allerdings ist der Schädel, wie erhalten, zum Teil nicht mehr im natürlichen Zusammenhalt erhalten und verdrückt. Die Erhaltung in der Knolle macht es zudem schwierig, mehr als nur die äußeren Oberflächen der Knochen zu studieren.

Um nun also die Morphologie dieses wissenschaftlich bedeutenden Schädels im Detail untersuchen zu können, wurde der Schädel im Computertomographen (CT) durchleuchtet. Eine erste Untersuchung fand in einem medizinischen Tomographen am Deutschen Herzzentrum in München statt. Da die Auflösung des für menschliches Gewebe ausgelegten Tomographen für die Untersuchungen der feinen Details eines versteinerten Schädels nicht ausreicht, wurde eine zweite Untersuchung speziell des Hirnschädels in einem industriellen Scanner bei Zeiss in Essingen durchgeführt. Die so gewonnenen CT-Daten zeigen sowohl die äußeren als auch die inneren Strukturen des Schädels in einer Serie von Querschnitten, die man am Computer aus verschiedenen Orientierungen studieren kann. Durch sorgfältige graphische Trennung der knöchernen Strukturen von dem umgebenden Gestein kann man zudem digitale 3D-Modelle der einzelnen Knochen anfertigen, die es nun erlauben, die Strukturen von allen Seiten zu untersuchen und sogar in die Knochen hineinzuschauen. Dies machte nicht nur eine detaillierte Beschreibung der Morhologie des Schädels von Irritator möglich, sondern erlaubte sogar eine Rekonstruktion seines Hirnraumes und des Innenohrs. Dies zeigte, dass diese großen Raubsaurier ihren Schädel wohl nicht horizontal, sondern üblicherweise mit einer deutlich gesenkten Schnauze hielten, ähnlich wie heutige Störche. Zudem kann man die gewonnenen Modelle um die fehlenden Knochen ergänzen, am 3D-Drucker ausdrucken und zu einer anatomisch korrekten Rekonstruktion des Schädels zusammenfügen, die eine guten Eindruck vermittelt, wie diese ungewöhnlichen Raubdinosaurier ausgesehen haben.

Oliver Rauhut

Abbildungen

Abb. 1: Schädelrekonstruktion von Irritator challengeri, Länge des Schädels: ca. 50 cm, SNSB-BSPG 2023 I 43. Foto: Oliver Rauhut.

Abb. 2: Foto des Original-Fossils von Irritator challengeri, SMNS 58022. Foto: Oliver Rauhut.

Das Faltblatt mit ausführlichen Informationen zum Fossil des Monats steht wie immer auf der Webseite der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie als PDF-Datei zum Download (130 kB) bereit.

Fossil des Monats ist eine regelmäßige Aktion des Paläontologischen Museums München. Hierbei werden jeden Monat besondere Fossilien aus dem Fundus der Staatssammlung ausgestellt und von Wissenschaftlern der Staatssammlung und dem Lehrstuhl Paläontologie und Geobiologie eingehend in Begleittexten und einem Faltblatt erläutert. Die Freunde der Bayerischen Staatssammlung für Geologie und Paläontologie München e.V. unterstützen diese Aktion.