Fossil des Monats Mai 2026
Urpferd
Plagiolophus minor (Cuvier, 1804)
Unterkiefer
SNSB-BSPG 1969 XIII 178
Neogen: Spätes Eozän, ca. 39 Millionen Jahre alt
Möhren 6 bei Treuchtlingen, Mittelfranken, Deutschland
Länge 15 cm, Höhe 8 cm, Breite 8 cm
Pferde, Zebras und Esel kennt jedes Kind. Mit stark verlängerten Gliedmaßen, die jeweils nur eine Zehe haben, und extrem hochkronigen Backenzähnen sind sie an ein Leben in offenen Graslandschaften perfekt angepasst. Aufgrund ihrer engen Verwandtschaft werden sie in der biologischen Systematik in der Gattung Equus zusammengefasst und sind die einzigen lebenden Vertreter der in der erdgeschichtlichen Vergangenheit ausserordentlich diversen Gruppe der Pferde (Equoidea).
Unter den vielen ausgestorbenen Pferden unterscheiden sich insbesondere die Palaeotherien stark von ihren heutigen Verwandten. Sie lebten vor 48 bis 33 Millionen Jahren vom mittleren Eozän bis zum frühen Oligozän, insbesondere in Europa, welches zu dieser Zeit ein subtropisches Archipel war. Im Gegensatz zu den heutigen Pferden hatten die Palaeotherien proportional kürzere Gliedmaßen mit je drei Zehen und ein Gebiss mit niedrigkronigen Backenzähnen. Damit waren sie an ihren Lebensraum in den Regenwäldern des Archipels und eine Ernährung aus reichlich vorhandenen Blättern und Früchten ideal angepasst. Ihre Körpergrößen waren recht unterschiedlich, während die kleinsten nicht größer wurden als eine Französische Bulldoge (10 kg, Schulterhöhe 30 cm), übertrafen die größten die Maße des Schabrakentapirs (320 kg, Schulterhöhe 110 cm). Ursprünglich rekonstruierte man Palaeotherien als tapirähnlich und spekulierte sogar über einen Rüssel. Moderne Forschungen unterstützen jedoch eine schlankere Körperform und das Fehlen eines Rüssels.
Der Untergang der Palaeotherien fiel mit der sogenannten »Grande Coupure« zusammen, einer großen Biodiversitätskrise am Übergang vom Eozän zum Oligozän vor 34 Millionen Jahren. Dieses Ereignis wurde durch bedeutende klimatische Veränderungen mit einem Temperatursturz um bis zu 6 °C ausgelöst, wobei sich Eisschilde an den Polen bildeten und der Meeresspiegel weltweit sank. Dadurch veränderten sich nicht nur die festländischen Lebensräume, sondern sie vergrößerten sich und stellten Landbrücken nach Asien her, über welche konkurrierende Säugetierarten einwanderten. Während die meisten Palaeotherien-Arten während dieser Krise ausstarben, überlebte die Gattung Plagiolophus noch bis ins frühe Oligozän.
Das Fossil des Monats ist ein Unterkiefer von Plagiolophus minor, einer kleinen Palaeotherien-Art, die 1969 aus einer Karstspalte in Mittelfranken geborgen wurde. Im Vergleich zu modernen Pferden ist der Kiefer von Palgiolophus kürzer und hat weniger Ansatzfläche für die Kaumuskulatur. Dies hängt mit der weicheren, nahrhafteren und leichter zu verdauenden Nahrung der Palaeotherien zusammen, die auch ohne extreme Anpassungen im Kauapparat verarbeitet werden konnte. Die marmorierte Färbung des Kiefers entstand durch unterschiedliche Mineralisierung während des Fossilisationsprozesses.
Manon Hullot (Jurassica Museum Switzerland), Gertrud E. Rössner (SNSB-BSPG München)
Abbildung
Abb. 1: Foto: SNSB-BSPG/M. Schellenberger.
Link
Lebendrekonstruktion von Plagiolophus minor bei Wikimedia.
Das Faltblatt mit ausführlichen Informationen zum Fossil des Monats steht wie immer auf der Webseite der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie als PDF-Datei zum Download (144 kB) bereit.
Fossil des Monats ist eine regelmäßige Aktion des Paläontologischen Museums München. Hierbei werden jeden Monat besondere Fossilien aus dem Fundus der Staatssammlung ausgestellt und von Wissenschaftlern der Staatssammlung und dem Lehrstuhl Paläontologie und Geobiologie eingehend in Begleittexten und einem Faltblatt erläutert. Die Freunde der Bayerischen Staatssammlung für Geologie und Paläontologie München e.V. unterstützen diese Aktion.


Foto: Oliver Rauhut
Foto: Gerhard Lehrberger