Exkursions-Bericht: »Vom Oberjura ins Pliozän: Die erd- und landschaftsgeschichtliche Vielfalt um Dollnstein im Altmühltal«
Exkursion am Samstag, den 18.4.2026
Referent: Michael Schmidt M.A.
Diese Exkursion war eine Premiere, denn das erste Mal sind wir ohne Bus angereist. Und es hat auch wunderbar funktioniert, nicht zuletzt wegen der Pünktlichkeit der Bahn. Treffpunkt war der Bahnhof in Dollnstein, wo für diejenigen, die mit dem Auto kamen, auch genügend Parkmöglichkeiten vorhanden waren. Dollnstein hat sich für dieses Experiment auch deshalb angeboten, weil es von dort aus nicht weit bis zu unserer ersten erdgeschichtlichen Station war.
Nach einer Einführung durch den Exkursionsleiter Michael Schmidt und einem genaueren Blick auf die geologische Karte ging es auf den direkt neben dem Bahnhof gelegenen Galgenberg. Für diese Geländezunge findet sich in den topographischen Karten und in der geologischen Literatur gleich mehrere Namen, wovon sich »Galgenberg« mehr oder weniger durchgesetzt hat. In älteren Beschreibungen wird auch vom »Torleitenberg« gesprochen, der allerdings gegenüber dem Tal liegt. Außerdem ist dieser »Galgenberg« nicht zu verwechseln mit dem weiter südlich bei Wellheim gelegenen gleichnamigen Berg. Für die genaue Beschriftung unserer Exkursionsfunde eignet sich darum die Bezeichnung »Galgenberg bei Dollnstein« oder „»Galgenäcker bei Dollnstein«, wie der Exkursionsleiter anriet.
Zu finden gab es zunächst vor allem Fossilien aus dem Schelf-Meer des Cenomans (Ober-Kreide, ca. 95 Mio. Jahre) am Osthang des Galgenberg. Interessant sind diese Fundmöglichkeiten vor allem darum, weil sie in keiner geologischen Karte eingezeichnet sind. Die in lockerer Streu auf Feldern herumliegenden braunen, oft kugel- oder plattenförmigen Brocken sind hier zumeist kieselige Erosionsrelikte, die als sogenannte Gaisite angesprochen werden können. Einst bildeten sie sich stellenweise im Meeressediment, wo dieses aushärten konnte. Als Ursache dafür wird die hohe Konzentration von Kieselsäure im Porenwasser angenommen, die nach der gängigen Lehrmeinung auf die Sedimentzusammensetzung zurückzuführen ist. Denn es bestand wohl fast ausschließlich aus Nadeln und Skelettelementen von Kieselschwämmen, die sich nach dem Tod der Tiere rasch im Sediment auflösten. Wo das Lösungsprodukt der Kieselsäure überschritten wurde, wurde diese ausgefällt, und das Sediment verhärtete. In späteren Zeiten der Erosion blieben die harten Gaisite als Relikte liegen und lagern heute in den Böden der Alb. So sind sie die einzigen Zeugen der einst ziemlich mächtigen Sedimentbedeckung der Oberkreide. Weiter südlich, bei Neuburg an der Donau, haben sich größere Partien dieser Ablagerungen in Paläokarst-Senken erhalten und werden heute als »Neuburger Weiße« oder »Neuburger Kieselerde« für spezielle Industriezwecke abgebaut. Als Charakterfossilien der »Neuburger Kieselerde« gelten bestimmte Muscheln wie Inoceramen. Auf und in den Gaisiten sind sie und ihre »Zeitgenossen« nicht selten sehr detailreich erhalten. Auf unserer Exkursion gelang sogar der Fund eines schönen, vollständig erhaltenen Muschelabdrucks. Daneben Korallen-Abdrücke und Anderes wie etwa nicht leicht zu bestimmende Muschel-Schalenreste.
Die Mittagspause verbrachten wir an einem Aussichtspunkt, der uns einen herrlichen Blick ins Urdonau-Tal bot. Nämlich auf den Abschnitt, der als Wellheimer Trockental bezeichnet wird. An seinem Ende bei Dollnstein beschrieb die Urdonau einst eine Schleife und arbeitete dabei den Galgenberg heraus. An dessen Grat und Rückseite wurden im Pliozän und Pleistozän Schotter abgelagert, die unter anderem rote Radiolarit-Gerölle führen, was den Transportweg aus den Alpen belegt. Nahezu schwarze Lydit-Gerölle hingegen stammen aus dem Frankenwald. Sie wurden vom Ur-Main herangebracht, der etwa am Scheitel der Urdonau-Schleife bei Dollnstein in diese mündete. Leider bekamen wir von diesen Schottern am Galgenberg recht wenig zu sehen – nicht zuletzt, weil die Vegetation zu dieser Jahreszeit schon recht dicht war. Die besagten Leitgerölle konnten wir aber am Ende der Exkursion noch im Museums-Teil des Altmühlzentrum Dollnstein näher begutachten.
Als sich die Urdonau eintiefte, präparierte sie an ihren Prallhängen steile Felspartien aus den Massenkalken und -dolomiten des Oberjuras, die in vor- und frühgeschichtlichen Zeiten dankbaren Schutz für Siedlungsplätze boten. In Blickweite unseres Rastplatzes war beispielsweise ein markanter Vorsprung zu sehen, der den sogenannte »Hünenring« trägt, eine noch nicht näher untersuchte Wallanlage, die womöglich Urnenfelder-Kultur zugerechnet werden kann. Drunten im Tal hingegen fanden sich einst Grabhügel vorgeschichtlicher Zeitstellung, die heute leider nicht mehr sichtbar sind (beim Weiler Groppenhof), sowie eine Freilandstation des Mittelpaläolithikums. Die archäologische Vergangenheit ist am Dollnsteiner Galgenberg fast allgegenwärtig. Schon beim Aufstiegt hatten wir die sogenannte »Römerstraße« benutzt, die tatsächlich den einstigen Verlauf einer Straße der Römischen Kaiserzeit folgt.
Im zweiten Teil der Exkursion ging es in den Oberen Jura, genauer gesagt, in die Schutt-Fazies des Riffrands. Der Weg dahin war nicht weit, da wir unsere Rast ohnehin schon auf einer der Kuppen des Dollnsteiner Riffzugs verbracht hatten. Auf einem relativ steilen Weg hinunter ins Tal ließen sich mit etwas Glück Brachiopoden, Muscheln oder Reste von Schwämmen aufsammeln, prominenter Mitglieder der einstigen Lebensgemeinschaften der Riffe. Die fossile Schuttrampe, auf der man sich hier bewegt, markiert gleichzeitig den Übergang zur Beckenfazies, also hinein in eine klassische Plattenkalkwanne. Von dieser »Rieder Wanne« (Meyer & Schmidt-Kaler) ist allerdings nicht mehr viel zu sehen. Da die Plattenkalke der Urdonau auf ihrem Weg nach Norden weniger Widerstand boten als die härteren Riffzüge, hatte sie sich ihren Weg durch sie hindurch gebahnt und sie dabei ausgeräumt. Nur stellenweise sind noch Reste von Plattenkalken mit unruhiger Schichtung zu erkennen, was auf ein höheres hydrodynamisches Niveau am Übergang zum Riffbereich hinweist. Näher eingegangen wurde auf spezielle Fragen nach der Paläo-Umwelt. Etwa in welcher Tiefe sich Plattenkalke und Riffkarbonate bildeten. Als Hinweise, dass es während des Oberjuras zu einer Verflachung des Meers gekommen sein muss, werden Korallen genannt, wie sie etwa in der Nähe des Galgenbergs – auf der Spitze des Hüttenbuck – gefunden werden können. Auch Nachweise von Dasycladaceen (sessile Wirtelalgen), von denen man annimmt, dass sie äußerst niedrige Wassertiefen von nur wenigen Metern bevorzugten, gelten hierfür als Anzeiger.
Als letzte Station unserer Exkursion stand noch der Besuch im Altmühlzentrum Dollnstein auf dem Plan. In den Gemäuern der alten Burg ist ein kleines Museum eingerichtet, in dem es für uns nicht nur Münzen aus dem aufsehenerregenden Schatzfund anno 2007 zu bestaunen gab. Die Ausstellung streift vor allem naturräumliche und volkskundliche Themen. Und natürlich durfte dabei ein Abstecher in die Mittelalter-Abteilung mit Burggeschichte und dem Dollnstein-Zitat des Wolfram von Eschenbach nicht fehlen. In dessen Gralsritter-Roman »Parzifal« heißt es, »… daz diu koufwîp ze Tolenstein an der vasnaht nie baz gestriten« (»… dass die Kauffrauen von Dollnstein an Fastnacht nie heftiger gekämpft [haben]« (Pz. 409,5 ff.). Beinahe ein geflügeltes Wort in Dollnstein, wo man den wackeren Marktfrauen sogar einen Skulpturenbrunnen gewidmet hat. Im Cafe des Altmühlzentrums ließen wir schließlich den Exkursionstag ausklingen.
Michael Schmidt, München
Abbildungen
Abb. 1 (Header-Bild): Auf dem Dollnsteiner Galgenberg bietet sich ein weiter Blick ins Urdonautal. Referent Michael Schmidt erläuterte die Flussgeschichte und ging auf archäologische Besonderheiten der Gegend sein. – Foto: Ryck
Abb. 2: Bevor es an die Fossilsuche ging, zeigte Referent Michael Schmidt Gesteinsproben und typische Fossilien aus den oberkreidezeitlichen Gaisiten in die Runde. – Foto: Ryck
Abb. 3: Ein großer Muschelabdruck in einem Gaisit vom Dollnsteiner Galgenberg. Sehr wahrscheinlich eine Inocerame. Auch dieses Stück wurde auf der Exkursion vorgezeigt. Es wurde von Michael Schmidt im Sommer 2025 gefunden und befindet sich heute in der Geologischen Staatssammlung München. – Foto: Schmidt
Abb. 4: Cenoman-zeitliche Exkursionsfunde von den Rändern der Felder. Mit dabei: kleine Muscheln und der Abdruck einer Koralle. Gefunden von Uwe Ryck. – Foto: Braun
Abb. 5: Mittagsrast auf dem Dollnsteiner Riff. – Foto: Braun
Abb. 6: Funde von rhynchonellen Brachiopoden aus der Riffschutt-Fazies. Finderin: Helga Grottenthaler. – Foto: Ryck
Abb. 7: Den in Wolfram von Eschenbachs »Parzifal« erwähnten Dollnsteiner Marktfrauen »an Fastnacht« ist im Ort diese charmante Brunnenskulptur gewidmet. – Foto: Ryck
Abb. 8: Lydit-Geröll des Ur-Mains im Museum des Altmühlzentrums Dollnstein. – Foto: Schmidt













Foto: SNSB-BSPG/M. Schellenberger
Foto: SNSB-BSPG/M. Schellenberger