Fossil des Monats Juli 2026
Hyolith
Slapylites signatulus (NOVÁK, 1891)
SNSB-BSPG 2026 I 31
Paläozoikum (mittleres Kambrium, ca. 510 Millionen Jahre), Skryje, Tschechische Republik
Mit der »kambrischen Explosion« vor etwa 540 Millionen Jahren – jener Phase, in der das Tierleben auf der Erde rasant an Vielfalt gewann – entstanden kleine, kegelförmige Tiere: die Hyolithen. Ihre kalkigen Gehäuse, die von etwa einem bis einigen Zentimetern Länge reichen, bestehen aus drei Teilen: einem länglichen, spitz zulaufenden Hauptgehäuse (vormals als »Konch« bezeichnet), einem Deckel (Operculum), der die Öffnung verschloss, und – zumindest bei einer Gruppe – zwei geschwungenen Stützstäbchen, den sogenannten »Helenen«. Dieser Name wurde bereits 1890 von Charles D. Walcott geprägt, der diese Strukturen ursprünglich als eigenständige Fossilien ansah, die er in die Verwandtschaft der Kahnfüßer (Scaphopoda, eine Klasse von Weichtieren) stellte und ihnen den Namen Helenia gab.
Hyolithen lebten ausschließlich im Meer, wahrscheinlich benthisch auf dem Sediment. Es wird angenommen, dass sie sich dabei mit den Helenen abstützten, um die Öffnung über dem Meeresboden zu halten. Einige Hyolithen wurden auch in aufrechter Position gefunden, was eine sessile Lebensweise andeutet. Hyolithen ernährten sich von organischen Partikeln – ob als Filtrierer oder Detritusfresser ist noch nicht abschließend geklärt.
Wohin Hyolithen im Stammbaum des Lebens gehören, war lange umstritten. Heute gilt mehrheitlich, dass sie zu den Lophotrochozoen zählen – einem großen Verwandtschaftskreis, zu dem auch Weichtiere, Ringelwürmer und Armfüßer gehören. Hyolithen tauchten bereits im frühen Kambrium auf, kamen weltweit vor und starben erst am Ende des Perms vor rund 252 Millionen Jahren aus – eine Erfolgsgeschichte über fast 300 Millionen Jahre. Sie waren vor allem im Kambrium eine häufige Gruppe; allein aus dieser Zeit wurden über 115 Gattungen beschrieben.
Das vorliegende Fossil, Slapylites signatulus (NOVÁK, 1891), gehört zur Familie Slapylitidae innerhalb der Ordnung Hyolithida. Charakteristisch für die Familie ist ein Operculum mit Claviceln sowie das Fehlen von Stützstäbchen. Gefunden wurde dieses Exemplar bei Skryje in Böhmen, heute Tschechische Republik. In der Zeit des mittleren Kambriums lag diese Region am Nordrand des Superkontinents Gondwana, in einem flachen, warmen Meer der Tropenzone. Die Sedimente von Skryje haben eine erstaunlich vielfältige Fauna geliefert, darunter Trilobiten, Armfüßer und frühe Stachelhäuter – ein Fenster in eine Meereslandschaft, die unserer Welt noch völlig fremd war.
Thomas A. Neubauer, München
Abbildung
Abb. 1: Hyolith Slapylites signatulus (NOVÁK, 1891) aus mittel-kambrischen Ablagerungen von Skryje in Böhmen (Tschechische Republik), mittleres Kambrium, ca. 510 Millionen Jahre alt. Länge des Fossils: 3 cm. Inv.-Nr. SNSB-BSPG 2026 I 31. Foto: SNSB-BSPG/M. Schellenberger.
Das Faltblatt mit ausführlichen Informationen zum Fossil des Monats steht wie immer auf der Webseite der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie als PDF-Datei zum Download (152 kB) bereit.
Fossil des Monats ist eine regelmäßige Aktion des Paläontologischen Museums München. Hierbei werden jeden Monat besondere Fossilien aus dem Fundus der Staatssammlung ausgestellt und von Wissenschaftlern der Staatssammlung und dem Lehrstuhl Paläontologie und Geobiologie eingehend in Begleittexten und einem Faltblatt erläutert. Die Freunde der Bayerischen Staatssammlung für Geologie und Paläontologie München e.V. unterstützen diese Aktion.


Foto: SNSB-BSPG/M. Schellenberger
Foto: Ryck