Fossil des Monats April 2021

Seegurken-Hautstück – ‚Theelia‘ florida

‚Theelia‘ florida (Terquem & Berthelin, 1875), SNSB-BSPG 2011 XI 1315

Unterer Jura (ca. 183 Millionen Jahre), Amaltheenton-Formation, Tongrube Holzbachacker b. Buttenheim, Oberfranken, Bayern

Breite des Fossils: knapp 2 mm

Seegurken oder Seewalzen (Holothuroidea) sind mit mehr als 1.800 heutigen Arten eine sehr diverse und vielgestaltige Organismengruppe der Stachelhäuter (Echinodermata). Sie besitzen im Allgemeinen zylindrische bis wurmförmige Körper, die zuweilen auch brotlaib- oder auch kugel-, keulen- bzw. flaschenförmig ausgebildet sein können. Die Größenunterschiede bei den unterschiedlichen Arten sind teilweise immens; ausgewachsene Tiere können sowohl wenige Millimeter als auch bis zu 5 Meter lang sein. Der am vorderen Körperpol gelegene Mund bei den Holothurien wird von einer variablen Anzahl an Tentakeln umgeben. Mit diesen ernähren sie sich als Sediment- oder Suspensionsfresser.

Fast alle Seegurken leben in vollmarinen Lebensräumen, vom Flachwasser bis in die tiefsten Tiefseegräben; einige Arten sind auch im Brackwasser anzutreffen. Dabei sind Holothurien zumeist grabend oder wühlend auf und im Meeresboden anzutreffen, andere bewegen sich eher weniger – hohe Individuenzahlen von >1.000 pro m² sind jedoch keine Seltenheit. Damit sorgen Seegurken, neben beispielsweise den Borstenwürmern, für den Sauerstoffeintrag und die intensive Durchmischung des Sediments und werden deshalb auch als „Regenwürmer des Meeres“ bezeichnet. Einige Arten in der Tiefsee haben dieser Lebensweise entsagt und können sogar aktiv schwimmen.
Das Skelett der Holothuroidea ist im Vergleich zu anderen Stachelhäutern schwächer entwickelt und beschränkt sich auf einen intern (hinter dem Mund) gelegenen Kalkring, sowie auf mikroskopisch kleine Kalkkörperchen in der Haut. Letztere sind sehr vielgestaltig – ihre morphologische Bandbreite reicht von einfachen Stäben bis hin zu sehr komplexen Rädchen oder Ankern.

Im Fossilbericht sind Holothurien seit dem Mittleren Ordovizium (vor 460 Millionen Jahren) vertreten; allerdings sind vollkörperlich (artikuliert) erhaltene Funde sehr selten und nur aus verschiedenen Fossillagerstätten (beispielsweise Hunsrückschiefer, Mazon Creek, Muschelkalk, Solnhofener Plattenkalke) bekannt. Seegurken-Fossilien beschränken sich zumeist auf isoliert gefundene Skelettelemente des Kalkringes und der Haut (Ossikel). Letztere werden oft im Rahmen mikropaläontologischer Untersuchungen oder Gesteinsdünnschliff-technischer Arbeiten aufgefunden.

Bei dem Fossil des Monats April 2021 handelt es sich um ein mikroskopisch kleines, fossilisiertes Seegurken-Hautstück. Dieses wurde beim Sieben des fossilreichen fränkischen Amaltheentons gefunden und enthält Hunderte kleine Kalkrädchen. Aufgrund dieser Ossikel konnte das Stück den sogenannten füßchenlosen Seegurken (Apodida) zugeordnet werden. Die hier nachgewiesene Art – ‚Theelia‘ florida – scheint für den Zeitabschnitt des Pliensbachiums (Carixium und Domerium; ca. 190–182 Mio. Jahre) typisch zu sein. Ursprünglich aus Lothringen beschrieben, ist sie neben Franken ebenso aus Württemberg sowie Nord- und Mitteldeutschland bekannt. Vertreter dieser apodiden Seegurkengruppe sind typisch für Weichböden, in denen sie sich grabend als Sedimentfresser fortbewegen. Heutige nahe Verwandte dieser Gruppe sind in flachen, warmen oder kalten Meeresbereichen anzutreffen. Eine moderne Bearbeitung der fränkischen Jura-Holothurien steht derzeit noch aus.

Mike Reich, München & Tanja R. Stegemann, Regensburg

Abb.: Fossilisiertes ‚Hautstück‘ mit Hunderten Kalkossikel von ‚Theelia‘ florida (rasterelektronenmikroskopische Aufnahme); Inv.-Nr. SNSB-BSPG 2011 XI 1315.
Foto: SNSB-BSPG/M. Reich

Das Faltblatt mit ausführlichen Informationen zum Fossil des Monats steht wie immer auf der Webseite der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie als PDF-Datei (1,5 MB) zum Download bereit.

Fossil des Monats ist eine regelmäßige Aktion des Paläontologischen Museums München. Hierbei werden jeden Monat besondere Fossilien aus dem Fundus der Staatssammlung ausgestellt und von Wissenschaftlern der Staatssammlung und dem Lehrstuhl Paläontologie und Geobiologie eingehend in Begleittexten und einem Faltblatt erläutert. Die Freunde der Bayerischen Staatssammlung für Geologie und Paläontologie München e.V. unterstützen diese Aktion.